19, bitte 37!

Im Kaufhaus - oder von der Unmöglichkeit eine Lederjacke zu kaufen

War heute mit meiner Frau in der Stadt. Nein nicht umtauschen, wir waren in der Vorweihnachtshektik nicht einmal zum einkaufen gekommen. Auto, Parkhaus, Parkhausarchitektur. Das letzte allein wäre einen blumigen Beitrag im Feuilleton wert. Ich freue mich immer über die Schrammen am Beton und frage mich regelmässig, ob die eigentlich alle nur von Leuten sind, denen das egal ist, oder ob da auch einige nah am Herzinfarkt hernach ihre Versicherung anrufen oder die Parkhausverwaltung verklagen.

Egal. Ich meine nur, die Architekten müssten vertraglich verpflichtet werden, einen Monat lang ihr Machwerk mit dem eigenen Wagen zu benutzen.

Dann auf, mit der Büffelherde Richtung Kaufpaläste getrappelt. Ich sagte zu Christine, meiner Holden, dass ich gut verstehen könne, warum die New Yorker sich über die Europäer aufregten, die zu Weihnachten ihre Stadt zu Shopping-Zwecken bevölkern. Wir mussten beide lachen. Wir haben beide allgemein ein Ziel, wenn wir uns fort bewegen, soviel Einigkeit besteht dann doch.

Im ersten Palast begrüsste uns auf einem Citylight-Poster lächelnd und überlebensgross ein hübsches Model in Unterwäsche. "Hallooo!" sagte ich, "neunzehn, bitte siebenunddreissig" entgegnete eine Stimme. Es kam mir irgendwie vertraut vor, aus der Zeit, als ich noch allein einkaufen ging. Ist auch schon wieder gute 25 Jahre her, aber manche Dinge ändern sich trotz revolutionärer Entwicklung in der Kommunikationstechnik eben nie.

Meine Frau suchte sich ein paar Pullover aus, ich bestätigte vorsichtshalber ihre Entscheidungen. Bei Einigkeit gibt´s allgemein keine Diskussion. Während sie an der Kasse anstand, ging ich schon mal zu den Lederjacken. Meine ist wirklich nicht mehr schön, aber das macht ja eine solche gerade erst reizvoll. Sie ist erst 16 Jahre alt und eigentlich noch gut. Nur das Futter macht seinem Namen alle Ehre, es sieht aus wie Pferdefutter oder als hätten die Mäuse dran gefuttert. Und der Reissverschluss geht auch schon nicht mehr.

Die Wahl war nicht leicht, es gab nur besonders kleine und besonders grosse Grössen. Die besseren hatten zwei Reissverschlüsse. Übereinander, ohne Aufschlag. Sie liefen nicht besser als der an meiner alten Jacke.

"In meinem nächsten Leben werde ich Designer", sagte ich zu meiner Holden als sie dazukam, "und entwerfe Lederjacken." Irgendwie kam ich zu dem Schluss, dass man für die Modedesigner eine ähnliche vertragliche Bindung vorsehen müsse, wie für die Parkhausarchitekten. Missmutig zog ich dann doch eine an und trat vor einen grossen Spiegel.

Mir wurde schlecht.

Es war nicht nur die Jacke, die mir nicht gefiel. Ich beschloss, erstmal durch Nahrungsverzicht auf einen Friseurbesuch zu sparen, die Sache mit dem Bauch würde sich auch dabei regeln. Ich will nicht behaupten, dass Christine mir zustimmte. Sie fand es angeblich schade, dass wir nicht gleich etwas Passendes gefunden hatten, aber sie lächelte so seltsam verschmitzt dabei. Zuhause meinte meine Tochter, bei H&M gäbe es sehr schicke Lederjacken. Sicherlich, ich hätte dem nicht in Bausch und Bogen widersprochen. Hatte aber keine Lust deswegen zum Stadtrand Frankfurt raus zu fahren, denn sicherlich wären auch da die Regale leergefressen.

Gedankenstrich.

Ja ich weiss, was jetzt mancher denkt, Zielgruppe und so. Und genau dazu fällt mir eine Anekdote ein, die ich mal dort erlebt habe, als meine Tochter noch kleiner war: Der H&M ist im Hessen Center gelegen, einer grösseren Einkaufsschikane mit allerlei Zeugs. Ich weiss nicht, warum wir da abends mal hingefahren sind, aber einmal dort, drängte es mich, da mal rein zu schneien, um unangenehm aufzufallen. Es war nicht wirklich Vorsatz, aber es reizte mich schon. Meine Frau ahnte das und rollte mit den Augen. Wir schlenderten durch den Laden und ich blieb bei der Herrenkollektion stehen und fühlte am Zwirn. Es dauerte nicht lange, bis ein geschniegelter Lackaffe daher stolziert kam, hochgeschossen, braungebrannt, hübsch angepoopt, Stoppelfrisur, als wäre er gerade vom Werbeplakat heruntergestiegen. Es verging nicht viel Zeit bis die unsausweichliche Frage kam: "Kann ich ihnen helfen?"

Meine Frau sah mich prüfend an, natürlich sagte ich nicht: "Nein Danke, ich schau mich nur mal um!" Stattdessen überlegte ich kurz und entgegnete: "O, ja gern!" Christine wandte sich ab. "Gerne, sagte ich, Sie kommen mir wie gerufen." (Damals galt noch die alte deutsche Rechtschreibung und man sprach "Sie" gross.) "Wissen Sie," fuhr ich fort, "ich komme vom Land und wollte mich gern mal orientieren, was jetzt in der Stadt so getragen wird." Ich trug die Lederjacke, die heute 16 Jahre alt ist, damals noch etwas oversized.

Der arme Mann. Mit einer solch heftigen Reaktion hätte ich nicht gerechnet. Man sah förmlich, wie ihm die Gesichtszüge entgleisten, der braune Anstrich drohte abzubröckeln. Gleichzeitig konnte man wahrnehmen, wie er die Nase rümpfte, als könne er gleichsam den Kuhmist an meinen Gummistiefeln riechen. Er nahm die Hand vor den Mund und musterte mich. "Und an was hatten sie gedacht?" fasste er sich schliesslich. "Ach, ich weiss noch nicht, sagte ich, vielleicht einen Trenchcoat oder einen Nadelstreifenanzug."
Er: "Sekunde, ich bin gleich zurück!" Sprach´s und verschwand. Meine Frau wandte sich mir wieder zu. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie sich mit hochrotem Kopf in die Faust biss. Allgemein kann sie sich ihr Lachen nicht so lang verkneifen, sie ist etwas albern, aber das war der Grund. So hatten wir doch noch unseren Spass, aber den jungen Mann haben wir für die Dauer unseres Aufenthaltes dort nicht mehr gesehen.

Tatsächlich habe ich dann doch noch einen Nadelstreifenanzug gekauft. Sie hatten nach alter Väter Sitte zu jeder Jacke eine grosse Auswahl an verschiedenen Hosengrössen. Schon gut über die Vierzig fühlte ich mich gleich zwanzig Jahre jünger. Tolle Sache so ein Kaufrausch.

Auch bin ich heute natürlich zu meiner Lederjacke gekommen, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Friseurbesuch hin, Zerrspiegel her, durch den Vorgang war ein Problem entstanden und das musste vom Tisch. Ich hatte einen Ausritt auf die grüne Wiese erwogen, da gibt es allerhandlei Textilstores. Ich hatte da mal für einstellige Beträge ein paar Jeans gekauft und alsbald notgedrungen zu einem türkischen Änderungsschneider gebracht, der wiederum für einen einstelligen Betrag je einen ordentlichen Reissverschluss einsetzte und mir damit zu dem Genuss sehr brauchbaren Bleinkleides verhalf.

Motorradfahren ist diesen Winter eh nix, wegen diverser Zipperlein, also verwarf ich den Gedanken wieder, heckte einen Alternativplan aus. Ich lud meine Holde erneut ein, das Zerrbild im Spiegel hatte mir doch zu denken gegeben. Sie folgte meiner Einladung brav und wir begaben uns alsbald komfortabel per Blechkiste in die Stadt.

Diesmal suchte ich einen Open Air Parkplatz aus, nicht weit von zwei erfolgsversprechenden Anlaufpunkten. Die Wartezeit auf einen freien Parkplatz verging schnell, hat ja auch durchaus was Kommunikatives. Auf dem Weg zum ersten Anlaufpunkt mussten wir am Westernstore vorbei. "Da gehen wir auch noch hin" verriet ich meiner Frau, genau genommen ordnete ich es an. Sie war damit einverstanden. Unser erster Weg führte uns aber an den erfolgversprechendsten Ort, dahin wo alle gestandenen Männer gehen, die keine Figurprobleme haben, sondern Bekleidung suchen, die die Würde ihrer Gestalt angenehm unterstreicht. Peek & Cloppenburg heisst der Laden.

Zu meinem Entsetzen gibt es dort auch eine Damenabteilung. Nichts bleibt wie es war. Die Auswahl war nicht unbedingt gross, aber doch von sichtbar besserer Qualität und nur wenig teurer als die Angebote in den Kaufhäusern mit K. Ansonsten das gleiche Theater mit den Grössen und dem unfachmännischen Design. Bei der zweiten Sicht stiess ich auf die Kollektion eines berühmten Kollegen.

"Pierre Cardin" stand über den Sachen. "Piär Kardä", die Sachen waren drastisch reduziert, niemand wollte sie haben. Ich erinnerte mich, dass ich mal ein Schreibset geschenkt bekam, auf dem das gleiche stand. Es sieht gut aus, aber es taugt nix. Total unpraktisch. Und es sieht vor allem noch nach Jahren gut aus, weil es nicht benutzt wird.

Aber ein schönes Stück hing dabei, dass auch gut sass. Hol´s der Teufel. Ich sah mich um, ob es nicht noch ein anderes Exponat von einem anderen Hersteller mit dem gleichen Schnitt gab und wurde fündig. Probiert, passte, Spiegeltest ok, Christine nickte anerkennend. Ich liess das Stück zurücklegen und beruhigt wandelten wir zum Westernstore. Sie schlank, ich würdig.


Es ist immer ganz schön, wenn es Räume gibt, die so bleiben, wie sie immer waren. Die Auslage dort hatte sich natürlich ein bisschen geändert seit der Zeit als ich da Ex-Nato Hosen kaufte. Manche waren so zweckdienlich, dass man sich fragen musste, aus welchem Land sie wohl kämen. Letztlich gab es auch Bundeswehrhosen, die weniger Taschen, dafür das obligatorische geöste Loch im Schritt hatten, obwohl es eine Anweisung gibt, bei langer Palastwache, nötigenfalls ins linke Hosenbein zu strullen. Vielleicht zur Entlüftung der konservierten Erbsensuppe beim Biwakieren.
Der Laden war wohl schon an die "jungen Leute" übergeben worden. Die waren aber auch schon älteren Semesters, jedenfalls älter als ich, zumindest grauer. Ihr Outfit und die Frisuren erinnerten mich an die siebziger Jahre. Da die Zeit auch an ihren Körpern nicht spurlos vorübergegangen war, schoss mir ein Begriff durch den Kopf, den wir in unserer arroganten Jugend gerne verächtlich gebrauchten: Maggiflaschenästhetik. Das besonders grausame daran ist eigentlich nur, dass ich mich selbst beim nächsten Gedanken fragend mit diesem Begriff in Verbindung brachte.
Vor einer Woche war es mir schon einmal so gegangen, als wir mit unserem zeitlosen Automobil nach Berlin unterwegs waren und wegen Vollsperrung der A9 in einen Stau gerieten. Neben uns sassen ein paar ewig junge Mitbürger mit ihren grauen siebziger Jahre Frisuren in einem ältlichen Mercedes Kombi und schauten zu uns herüber. In dem Moment war mir klar, dass sie das gleiche über uns dachten, wie wir über sie. Gar nicht mal negativ, eher mitleidig.

"Kann ich ihnen helfen?", fragte mein Zeitgenosse zurück im Westernstore.
"Wie können Sie so etwas fragen?" herrschte ich ihn an, "der deutsche Konsument lässt sich nicht gern helfen, er hilft lieber. Das ist das Problem des Einzelhandels!" Den Smilie konnte er sich denken, hat er wohl dann auch.
"Ich suche eine Lederjacke." Während ich das sagte, hatte er exakt drei von der Stange genommen und gab mir zu verstehen, dass er in meiner Grösse wahrscheinlich nur noch diese wenigen habe. Er hatte Recht. Zwei davon bestanden den Spiegeltest nicht, wobei ich einräumen muss, dass das mit meiner noch nicht vorhandenen neuen Brille zusammenhing. Die dritte sass sehr gut aber gelblich. Schweinsleder. Meine Frau meinte, sie hätte den Charme meiner alten. Das wäre natürlich einerseits ein Grund gewesen, sie zu nehmen, andersherum aber eben gerade nicht. Schade, ich hätte dem "jungen Mann" gerne das Geschäft gegönnt. Schon aus Korpsgeist.

Wir gingen zu P&C und lösten das zurückgelegte Teil aus.

Daheim angekommen fand meine Tochter, dass die Jacke, durchaus den Schnitt der aktuellen H&M Mode habe. Für die, die sich darunter nichts vorstellen können: berittene Polizei der fünfziger und sechziger Jahre. Isar 12, wer sich erinnert.

Die Herren hatten auch so was "Würdiges".