Frühjahrstour Mai-Juni 2008


1. Tag - Aufi !

2. Tag - Im Land der Zwotakter ist der Viertakter König

Aufstehen um sieben (da ist die Welt noch in Ordnung), Frühstück halb acht. Ich war der einzige Gast, ensprechend opulent das Frühstück. Das Ei wurde zweimal gekocht, das erste war nix. Nein es gab ein zweites, aber drei sind Friesenrecht. Fürstlich gespeiset, weltmännisch gelöhnet (39 €) und höflich ein paar Takte mit der Dame des Hauses gewechselt, während draussen das Dreirad mit den Hufen scharrte. Die nächtliche Kühle war ihm wohl gut bekommen, ich hatte auch nicht vergessen, es abends vorher zu loben und auf die Schulter zu klatschen.
Annaberg stand auf meinem Ziel, Südkurs. Auch Frau Wirtin empfahl es mir, aber schon die ersten Meter aus dem Städtchen heraus gefielen mir nicht recht, zu glatt, zu belebt. Ich folgte dem zweiten Schild Rtg. Amtsberg, Zschopau. Das lag nördlich. Nebenstrecke talwärts, gut 3m breit, eine Piste nach meinem Geschmack. Die Ortsdurchfahrten prächtiger. Nach gut 15km hielt ich mal, um mir das Idyll zu betrachten.



Eine Nebenstrecke



Aus grosser Zeit



Noch 4km nach Zschopau, dem Mekka aller nichtgrüssenden Zweiradler dort. Die Zwodakter hatten wohl ursprünglich eine andere Funktion, als die eines Grüssaugustes. Zschopau selbst ist ein poussierliches Städtchen, nicht grösser als die anderen, die nur als Punkt auf der Landkarte im Erzgebirge erscheinen, aber auch nicht kleiner. Überhaupt liegen die Ortschaften meist von der Grösse kleiner Kreisstädte dort eine an der anderen, kaum Dörfer dazwischen. Rundfahrt, Parkplatz, Aussichtspunkt auf der Brücke über der Zschopau, Fotos und dann raus aus der Sonne. Einen älteren Herrn gefragt, wo denn das weltberühmte Motorradwerk liege.



Die Zschopau bei Zschopau



Die Marienburg, nach dem Kreml zweitgrösste Festungsanlage Europas...,äh hoppla, "Marienberg" stand auf dem Schild. Der liegt hinter dem Fotografen, für den Betrachter nicht sichtbar.



Die Zschopau bei Zschopau

Natürlich, ich war darauf gefasst, er hatte lange dort gearbeitet und wohnte nicht weit davon, noch einen guten Draht zum Geschäftsführer, aber es hätten sich ja keine neuen Investoren gefunden und die Malayen hätten auch den Nachbau der 125er nicht zum Laufen gebracht...(Unter diesen Umständen hätte ich vielleicht auch kein Geld mehr geschickt?!) Ich entschuldigte mich, ich müsse jetzt fahren wegen der Temperaturen, was durchaus der Wahrheit entsprach und auf grosses Verständnis stiess. Also rauf aufn Berg, das Werk war ehr klein oder das, was davon übrig war. Gehste rein? Och nö.



Die ehemals weltberühmten DKW und MZ Werke. Weihnachten 08 ist Schluss, Der letzte macht das Licht aus.

So ein Tag will befahren sein, nicht verquatscht. Ab nach Annaberg, Ziel Oberwiesenthal/Fichtelberg, dem Dach er ehemals deutschen kraatschen Republik. In Annaberg "Umleitung", einmal rundrum, so lernt man Städte kennen, aber wirklich sehr schön. Vom Charakter Bad Homburgs vielleicht, wer´s kennt. Dann nur noch Erzgebirge, Bundesstrasse, gut ausgebaut, Strecke machen.
In Oberwiesenthal, bekannt durch Wintersportler wie J. Schneepflug, da brannte es im Tal. Nicht jedoch ohne das der Brandherd sich langsam dabei bewegte. Ich musste mehrmals hinsehen im Vorbeifahren.

Nuguggeda, die Fichtelbergbahne!

Ich beschleunigte etwas, um sie bei nächster Gelegenheit zu stellen. Die fand sich bald, ein Bahnübergang und traun führwahr, Schmalspur, Super H0 oder so.



Spur Super H0

Dann aber raus aussem Wintersportambiente, das törnt einen nicht so recht an bei 30 Grad. CZ-Grenzübergang, nicht weit nach Karlsbad. Blick ins Tal, wunderbar. Aber es ging noch weiter, gut ausgebaute Strasse bis ganz oben rauf, wo Busse und Bikes sich bereits ein Stelldichein gaben. Man fand die Fahrzeuge verlassen, denn es war 12.30Uhr, Schnitzelfütterung. Es war nicht schwer, die massgebliche Terrasse zu erspähen, allein es fehlte mir an Gesellschaftsgeist und so zitschte ich bescheiden an meiner Wasserpulle.



Fichtelbergseligkeit





Blick vom Dach der Welt

Runter führten zwei Wege, einer Westkurs, da war ich gestern abend schon, einer Nordkurs, daher kam ich gerade. Ich entschied mich für die zweite Version, 20km dösen bis sich kurz vor Annaberg eine Gelegenheit bot, auf Landsträsschen nach Marienberg, dann B101 Freiberg Rtg. Dresden zu gondeln. Vor der Metropole wollte ich mich über eine der wenigen Autobahnbrücken in die Niederlausitz trollen.
Damit das gleich klar ist: mit dem Besuch Zschopaus und der Enscheidung Fichtelberg waren weitere geografische Menüpunkte aus der Auswahl Motorradurlaub gestrichen. Von wegen Schloss Augustusburg oder Lausitzring, deswegen fährt mer ja schliesslich allein.

Gut erfrischt macht´s auch Spass und man erträgt so manches ohne es zu merken, aber irgendwann wurde es wieder nervig. Es war nicht die Landschaft, nicht der Zustand der Strassen auch nicht das Wetter. Alles bestens. Es war glühend heiss und ich hatte trotzdem Gelegenheit grosse Teile des Weges im Schatten zu fahren, ganz schön eigentlich. Aber da war etwas anderes, das mir auf den Dörfern Nahe Schweinfurt schon einmal aufgefallen war. (Seltsame Wesen mit Gesichtern halb Mensch halb Schwein in stählernen Vögeln... schon Nostradamus hatte es voraus gesehen). Da sassen Menschen in ihren Autos und die fuhren wie die Schweine. Wirklich wahr.

Das erste Mal dachte ich noch, es sei mein Fehler, aber beim zweiten Mal brüllte ich laut den eberköpfigen Rentner durch sein offenes Seitenfenster an. Keine Reaktion. In der Annahme, der Gegenverkehr täte das gleiche, hatte ich auf einer schmalen aber neuen Strasse die Fahrt stark verlangsamt und die Nähe der rechten Strassenkante gesucht. Zu meinem Entsetzen beflügelte genau das meine Verkehrsgegner keinen Zentimeter von der Strassenmitte zu weichen und Fahrt zu behalten, so dass ich gleich zweimal in kurzer Folge meinen Seitenwagen in die Luft fliegen sah, beim Versuch mein linkes Knie zu retten. Denn rechts war kein Bankett sondern ein "Trottwahr". Die Leute dort hatten wohl schon ihre Erfahrung damit gemacht oder andere Traumata noch nicht verarbeitet. Etwa als sie noch mit leichtem Gefährt den sicheren Rücken der alten Pflasterstrassen verlassend, ihr Ende in einer bevorstehenden Rolle seitwärts kommen sahen.
Andere wieder, eigentlich alle anderen, fahren aus der Seitenstrasse erst mal auf die Hauptstrasse rauf, denn sonst sieht man ja niche, n´wahr? Pass ich zwischen, fahr ich zwischen, hier bin ich und hier bleib ich. Die Leute dort halten einfach drauf.

So geschehen im Kreis Freiberg bei Dresden, Kennzeichen FG. Dö!

Die Strassen füllten sich, ich fand meine Passage über die A4 immer mitten mang die LKW. Feste, feste. Ich kam zu dem Schluss, dass man ohne Navi nur einen LKW suchen musste, der brächte einen dann schon in die nächste Stadt, oft auf kürzestem Weg. Erst jetzt ging mir auf, was heute nicht stimmte: es war Freitag. Der Berufsverkehr hatte schon mittags eingesetzt. Trotzdem fand ich nach Meissen. Eine schöne Stadt, wenn man vom Berg hinunter reinfährt. Schon Ingo Insterburg wusste ein Lied von ihr zu singen. Ich musste aber offensichtlich mitten durch. Schenkte mir wiederum, den berühmten Blümchenkaffee zu probieren, stattdessen ein paar Schluck aus der Pulle an den roten Ampeln ein.

Es roch nach der Elbe, was gleichsam einen weiteren Tagesabschnitt aber auch eine andere Landschaft einstimmte. Angenehm, sehr angenehm. Allmählich wurde die Fahrt regelrecht erfrischend, denn ich bekam langsam wieder Gelegenheit, das Tempo selbst zu bestimmen. Ich befand mich wieder auf der B101 Richtung Berlin. Der Berufsverkeehr verlief sich bald, in Elsterwerda wurde es ruhiger. Noch mal zwangsweise Städtetourismus, Elsterwerda gefällt sich auch ohne Maifest darin, den Fernverkehr in urbane Fallen zu locken, heute war es besonders schlimm. Mir wars egal, ich suchte ja das Weite.
Bad Liebenwerda, Herzberg/Elster. Immer wieder erfrischende, gut riechende Passagen durch die Niederlausitzer Heidelandschaft und Blick auf die Schwarze Elster.
Ich hatte ein bisschen das Gefühl für Zeit und Raum vergessen obwohl eine Uhr an den Instrumenten tickt, jedenfalls habe ich keine Erinnerung mehr daran. Ich dachte darüber nach, meine Mutter an zu rufen, bei der ich heute noch einlaufen wollte. Später nachmittag hatte ich gesagt. Ich verwarf den Gedanken und brauste stattdessen durch die Heidelandschaft. Mit mir nur noch wenige Arbeiterkleinbusse, die hatten es eiliger als ich. Für LKW war die Strecke zu unbedeutend.
Die begann sich allmählich zu lichten, immer wieder Ackerlandschaft, trotz LPG Wirtschaft nicht so exzesshaft Monokultur wie andernorts. Roggenfelder mit Klatschmohn und Kornblumen, das kam mir irgendwie vertraut vor, es prägt auch die "Feldmark" an meinem Tagesziel, wie die Leute dort sagen. Dann Ackergras. Es wiegt sich viel intensiver im Wind als Getreide und erzeugt eine Bewegung wie auf See. Ackergras? Moment mal, das blühte ja schon! EU subventionierter Flachsanbau. "Gebt das Hanf frei!" Ganja, wie der Jamaikaner sagt.

Ich mass dem anfangs nicht viel Bedeutung bei, wenn nicht doch plötzlich die Heide aufgehört hätte, und eine weite Landschaft mit richtigem Horizont sich aufgetan. Ganz eigentümlich und von besonderem Reiz. Vierfelderwirtschaft, Kleewiesen, kein Raps, kein Mais, die Schläge begrenzt von Wegen und Baumgruppen, wie aus einer anderen Zeit. Der Fläming. Zwar war der Weg über Jüterbog und das mir bekannte Strassensystem nicht mehr weit, trotzdem bog zu meiner Überraschung ein Weg westwärts ab, die Richtung in die ich wollte. Drei Häuser drum herum und ein Traktorist. Hols der Teufel, er hatte Dreadlocks, unberufen! Ich sag´s ja, Ganja! Freundlich gab er mir Auskunft in dem lärmenden Tonfall, der den Anhaltern dort eigen ist von Luckau bis Dessau, (Sachsen-Anhalt, nicht Auto-Stop). Er beschrieb mir den Wirtschaftsweg, den ich bis zum übernächsten Ort zu fahren hatte, um eine Strasse zu meinem Ziel zu finden. Nach der fünften Ortschaft solle ich noch mal fragen, aber ich wusste schon, dass ich das nun nicht mehr brauchte. Es war inzwischen halb sechs, und ein wunderschöner Ritt begann durch eine menschenleere Landschaft. Auch die Landwirtschaft hatte schon Ruhe gegeben, das ist der Vorteil, wenn man gemeinsame Sache macht. Die Dörfer des Flämings sind eher ärmlich, haben nichts von der "Pracht" und der Grösse derer im Erzgebirge. Bauerndörfer mit einer bemerkenswerten Konstanz über die Jahre der Wende. Ganz früher waren sie wohl reicher, aber sie waren nie grösser oder kleiner. Natürlich haben die Blüten des besseren Deutschland gerade die schöneren und grösseren Anwesen dem Verfall preisgegeben. So holt die Natur sich wieder, was dem Menschen nicht mehr wichtig ist. Die Dörfer sind alle nach dem gleichen Schema angelegt, nicht Ring- und nicht Reihendorf, etwas dazwischen. Eine recht grosse Verkehrsinsel in der Mittel, spitzoval etwa wie der Leib eines Fisches. Hier befindet sich immer eine Dorfkirche aus Feldsteinen, ein Friedhof dahinter und ein Teich davor, Dorfpuhl genannt, nicht Pfuhl oder gar Pool. Im Sommer fischen, im Winter Eis laufen. Mitunter war in den guten Jahren der Republik ein Konsum dazugekommen, klein mit grossen Schaufenstern, aber die sind alle wieder verschwunden.

Dorfkirche im Fläming

Das grosse Tor zum Gehöft war noch verschlossen, meine Mutter kann es schon lange nicht mehr bändigen. Interessanterweise trennt es eine beschauliche Welt von einer betulichen, ich denke, es würde niemandem auffallen, wenn es weg wäre, das Hoftor. Aber es muss alles seine Ordnung haben. Nachdem ich einen geräumigen Unterstellplatz genommen hatte, stellte ich endlich den Motor ab für heute und lobte mein frommes Pferd.

Da war kein Geräusch. Nichts zu hören, als das Zwitschern der Vögel und das Quaken der Frösche vom Dorfpuhl her.


3. Tag - Besuch bei der alten Dame