Frühjahrstour Mai-Juni 2008



1. Tag - Aufi !

2. Tag - Im Land der Zwotakter ist der Viertakter König


3. Tag - Besuch bei der alten Dame

Meine Mutter hatte mich nicht gehört, jedenfalls nicht das Motorrad. So ging ich zum Küchenfenster um einen Blick hinein zu werfen und sah, wie sie sich umständlich erhob, instinktiv eine Unruhe im Hof wahrnehmend. Das konnte sie gut. Ich ging ins Haus und fand sie doch etwas überrascht, nein, eher konsterniert. Etwas Unzufriedenes lag in Ihrer Begrüssung. "Du hattest doch Nachmittag gesagt..."
Diese Gedanken hegte sie allgemein nur, wenn ihr das Gastessen kalt geworden war, oder andere Gäste schon wieder gegangen. Es wäre müssig gewesen, über den Begriff "Nachmittag" zu diskutieren mit einem Heimatlosen, der letzten Endes in Hessen gestrandet war, wo man sich durchaus "mittags um fünf" verabredete.

Doch schnell wandelte sich auch ihre Unruhe in grosse Freude und dann schilderte sie mir den Grund. In Erwartung meines Besuches hatte sie mittags auf das Essen verzichtet, um nachmittags mit mir beim Kuchen zu schlagen zu können. Nun hatte aber die alte Dame der Kohldampf übermannt und sie hatte allein angefangen vom Kuchen zu naschen und war gerade mit ihrem Stück fertig als ich einlief. Auch solche Probleme gibt es. Aber natürlich waren die Vorräte aus meiner Sicht unerschöpflich, denn sie hatte an mehreren Ecken des Hauses für jeden Tag meiner Anwesenheit weitere Kuchen und Torten stehen, so dass der Abend gerettet war.
Der Beginn unserer Konversation ging natürlich um die Frage, warum ich mir solch einen weiten Weg machte, um sie zu besuchen. Dass ich bei solch schönem Wetter lieber das Motorrad nähme, hatte sie aber schon verstanden. Mir fiel auf, dass es an den Begriffen scheitern würde. Einen "Ausflug" hatten meine Eltern durchaus auch des öfteren unternommen, aber da war man zum Abendessen wieder zuhause. Und in "Urlaub" fuhr man ja schliesslich nicht alleine.

Ein über viele Generationen enstandenes Gemäuer und nur ein kleiner Teil der gesamten Hofanlage.

Gut ausgeruht machte ich mich früh am nächsten morgen auf den Hof, um nach dem Rechten zu sehen. Ein "Junger Mann" in meinem Alter war mit dem Mähen des Rasens beschäftigt, der die ganze Hofstelle einnimmt, seitdem er nicht mehr bewirtschaftet wird. Eine dörfliche Symbiose nach dem Tod meines Vaters, hie noch allerlei landwirtschaftliches Gerät und Unterstellplätze und da tatkräftige Hilfe. "Ein schönes Motorrad ist das," sagte er anerkennend über meine grüne Minna, "schnittig, wirklich schnittig!". Ein Begriff, den es in unserer Life-Style Welt eigentlich gar nicht mehr gibt, aber irgendwie traf er es auf den Punkt und ich freute mich darüber.

Meine Mutter liess es sich derweil nicht nehmen, Brötchen auf zu backen und bei dem entspannten Frühstück trug sie mir eine Bitte an. Durch die grosse spontane Hitze und den Einsatz der Helfer waren ihre Vorräte an Mineralwasser zur Neige gegangen. Ob ich nicht in den Nachbarort fahren könne, um Nachschub zu holen und bei der Gelegenheit...Natürlich konnte ich, ich hatte es erwartet und heimlich eingeplant. Nur dass ich beim Verlassen des Ortes nicht den Weg zum Nachbarort einschlug, sondern den umständlichen Pfad zur B2 suchte, die mich auf schnurgerader Allee nach Wittenberg führen sollte. Der Tank war leer und am nördlichen Stadtrand gibt es so eine Ansammlung von Tankstellen, Baumärkten und Einkaufszentren. Für meinen Auftrag ganz praktisch.
Manchmal zog es mich bei der Gelegenheit in die Stadt, den Hauch der Geschichte ein zu atmen. Der Stadtkern hat alle Kriege überdauert und man fühlt sich zwangsläufig zum Tor der Schlosskirche hin gezogen, um nach 95 Einschlaglöchern zu suchen, die einst der grosse Reformator mit Hammer und Nägeln hinterlassen hatte.

Heute hatte ich das Bedürfnis, der Elbe einen Besuch ab zu statten. Man würde sie auch im Dunkeln finden, sie hat einen ganz eigenen Geruch und ich bilde mir ein, dass man den auch im Brackwasser ihrer Mündung wahr nehmen kann. Einen Moment schloss ich die Augen im anderen lunste ich in die Sonne, bis es unangenehm wurde. Interessanterweise gibt es für solch einen Moment überhaupt kein Zeitgefühl, nur die Geschichten um V. van Gogh, der das auch immer tat und wir wissen ja was aus ihm geworden ist und aus seinem linken Ohr.

"Die Ecke hier ist was ganz besonderes" hatte mein Vater bei meinem ersten Besuch dort gesagt. "Immer Sonne und etwas wärmer als die umliegende Region". Tatsächlich ruht die Stadt Wittenberg auf einer warmen geologischen Formation, die das Kleinklima wohl angenehm beeinflusst. Heute wäre es vielliecht auch ohne gegangen.

Die gut klimatisierte Halle der Edeka-Mall verschaffte mir angenehme Erleichterung. Allerdings muss ich eingestehen, dass ich von meinem Einkaufsnaturell eher ein Typ vom Land geblieben bin, der es gern übersichtlich hat und weiss, wo er suchen muss. Bei meinem Entschluss, in Wittenberg einkaufen zu gehen, hatte ich ganz vergessen, dass Geduld nicht zu meinen Stärken gehört. Unabhängig von allen anderen Suchereien scheint mir doch der Gang nach den Getränken besonders erwähnenswert:
Ich hatte schnell 5 Gondeln mit Getränkekisten wahrgenommen, musste aber feststellen, dass sich dort nur Bier befand. Das Sortierschema konnte sich mir jedoch nicht erschliessen. Und gerade Bier..., nun gut das obligatorische Sechserpack Beck´s sollte es schon sein, weil es sich gemischt mit gewöhlicher Zitronenbrause geschmacklich besonders gut zur Herstellung von Radler, Alsterwasser oder eben Potsdamer eignet, den auch meine Mutter früher bei grosser Hitze gerne zu sich nahm. Aber doch grüne Flaschen bitte.

Bei der Jagd nach Mineralwasser habe ich schlichtweg aufgegeben. Zwar glaubte ich die richtige Gondel gefunden zu haben, aber es gab tausenderlei Sorten, alle mit irgendeinem Obst aus dem Spreewald versetzt. (Natürlich war es die falsche Gondel, aber auch das durchschaute ich nicht.)
Ich griff dann also statt eines Kastens irgendwelche Anderthalbliter-Gebinde mir bekannter Marken, befand aber, dass sie vielleicht nicht der Fülle eines Kastens entsprächen und beschloss, noch eine Flasche Grüne Brause aus Bad Liebenwerda und ein Sixpack Appelzitsch (Apfelsaftschorle) auf zu laden, der gleichzeitig auch gegen unterzuckern hilft. Draussen war mir dann klar, dass ich wohl schon genügend Getränke hatte, aber eben nicht die, die es sein sollten.
Egal jetzt.

Mal wieder ein Kirchenbild, die Schlosskirche zu Wittenberg.
(Foto: Wittenberg.de)

Aber über alle Zeit des Reisens sind sie neben Flüssen und Brücken immer die wahren Orientierungspunkte geblieben, im Zentrum menschlicher Besiedlung. Erst spät kamen Kompass und Strassenschilder dazu.

Wenn man über die Hügel kommt sind sie das erste was man wahr nimmt, dabei unterscheiden sie sich doch wie Leuchttürme.



Nach zwei Stunden wieder in der Betulichkeit des elterlichen Gehöftes angekommen, belehrte ich meine Mutter über die Vorzüge von Appelzitsch. Sie kannte sie natürlich und war zufrieden. Dennoch beschloss ich von einem schlechten Gewissen geplagt, für den Rest meiner Anwesenheit Potsdamer zu trinken, denn an die Zitronenbrause hatte ich schon gedacht. Gleichzeitig reizte es mich, grüne Brause von der Schwarzen Elster zu zu setzen, denn was die Berliner mit Himbeersirup aus der Bierbasis machten, musste allemal schlimmer sein als lieblich bis herber Waldmeister.
Und tatsächlich: Nicht nur das grün der Flaschen harmonierte, sondern auch der Geschmack. Ein herrliches Gesöff, es erlaubte mir, einen halben Liter in einem Zug zu stürzen. Auch meine Mutter war begeistert.

Der Nachmittag wurde lang und ich konzentrierte mein Tun darauf, die schweren Gartenbänke zu suchen, die die Helfer beiseite gestellt hatten und sie wieder so an die Wände der Gemäuer zu drapieren, dass man zu jeder Tageszeit draussen einen Platz an der Sonne fand.
Das Werk geniessend, mischte ich mir noch einen grossen grünen Cocktail und warf meinen Taschenkommunikator an, um mit meiner Frau und dem Hund zu telefonieren. Auch meine Tochter erreichte ich, sie wollte gern aus Berlin auf einen Sprung herüberkommen, um sich meinen Überfall bei ihr zu Hause zu ersparen. Heute jedoch nicht. Dann noch Schorpi. Ich war voller Hoffnung, ihm noch im weiteren Verlauf meines Weges einen Besuch in der Heide ab zu statten. Wir mussten uns aber in der Sache auf morgen vertagen, aber es solle wohl gelingen. Na, mal sehen.

Beim Aufbacken der Brötchen klingelte es an der Haustür. Julia hatte schon zum Frühstück einen Zug aus Berlin gefunden. Sie war wie üblich lustig und guter Dinge. Oma blühte auf.

Nach einem gut Teil Spässe und Konversation hatte ich Schorpi noch einmal an zu rufen. Er gab auch gleich grünes Licht und es dauerte nicht lange, bis meine beiden Holden mich drängten, doch zu packen. Der Weg sei doch lang und ich solle ihn nur geniessen. Nicht jedoch ohne noch ein Stück von der erfrischendem Obsttorte nach dem Mittagsbraten zu probieren.

Ich kochte den Kaffee lieber selbst.

Wahrscheinlich hatten sie mir meine Unruhe an gesehen oder sie fanden es viel entspannender ohne mich. Und auch das Abschiedszeremoniell verlief viel lustiger als sonst, vielleicht weil meine Mutter diesmal nicht allein zurück blieb. Aber mit Abschied und alten Leuten ist das immer so eine Sache.

Stadtpflanze an schwerer Gartenbank


4. Tag - Herr von Ribbeck auf Ribbeck oder eines langen Tages Reise ist die Nacht