Frühjahrstour Mai-Juni 2008


1. Tag - Aufi !

2. Tag - Im Land der Zwotakter ist der Viertakter König

3. Tag - Besuch bei der alten Dame

4. Tag - Herr von Ribbeck auf Ribbeck oder eines langen Tages Reise ist die Nacht

Nachdem es erst einmal brummte, hatte ich schnell wieder mein Zeitgefühl verloren. Oft schon hatte ich die Idee gehabt, wenn ich in der Region war, einen Abstecher an den Stadtrand Berlins zu machen. Auf der Avus zur "Spinnerbrücke", die in Zeiten der Teilung eine ganz andere Bedeutung hatte. Eine relaxte Jause zu halten und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Ich kannte einige Leute in der Reichshauptstadt, die ich gerne mal auf Anpfiff in ihrer Eigenschaft als Motorradfahrer dort getroffen hätte. Aber natürlich hat die Spinnerbrücke ihr Flair nicht mehr und ich hatte mir für heute auch andere Schwerpunkte vor genommen, wohl wissend, welches Stück Weges vor mir lag. Ich hatte vorher bewusst nicht auf der Karte die Route abgestochen, sonst hätte ich sicher einiges aus gelassen. Schorpis Residenz war als Tagesziel ausgemacht, Lüneburger Südheide. Ein vernünftiger Mensch hätte sicher bald eine nette Route beim Blick auf die Karte gefunden, aber man fährt nicht Motorrad um vernünftig zu sein, Gespann erst recht nicht.

Geduldig hatte ich die Zufahrt auf die B2 verträumt, wozu ich wieder einige Fläming Bauerndörfer durchqueren musste, deren Strassen sich in besonderer Art unterscheiden, wenn man die Landesgrenze zwischen Sachsen Anhalt und Brandenburg passiert. Die B2 führt dann via Treuenbrietzen, berühmt durch den Schuster in der Moritat vom Mariechen, und Potsdam nach Berlin. Ich muss zugeben, dass ich bis dahin aus Termingründen immer die Autobahn für den Weg bevorzugt hatte und ich war angenehm überrascht über die landschaftliche Entwicklung. In Treuenbrietzen ist der niedere Fläming zu Ende, der historisch einfach nur aus einer ernährungsbezogenen Kultivierung der Moorregion durch belgische Volkstämme enstanden war. Die einmalige Moor- und Heidelandschaft vom Vorvortage setzte sich fort und bestätigte die Aussage von alten Berliner Insulanern, dass der Grüngürtel der Stadt über Potsdam hinaus reiche.

Nochmal tief durchatmen und geniessen, bis die Häufung der blauen Autobahnschilder und das Unterqueren des Berliner Rings südlich von Potsdam mich aufmerken liess und ich über Werder an der Havel eher zufällig als geplant den richtigen Weg zur B1 fand Richtung Brandenburg. Es muss schon gut 15.00Uhr gewesen sein. Die Sonne stand hoch, ein heisser Sonntagnachmittag.

Brandenburg wollte ich gern mal gesehen haben. Es hat eher den gegenteiligen Ruf von Potsdam und dem Glanz des Schlosses. Ich rechnete mit einer Millieutrabantenstadt, aber es war nicht mal das. Wer sonntags nichts vor hat, sollte nicht unbedingt dorthin fahren, aber die Havel Seenlandschaft stand auf meinem Plan, so liess sich die eigentlich zu lange Stadtdurchfahrt auch nicht sinnvoll vermeiden. Dafür wurde ich im Anschluss gut entlohnt. Das Havelland war so wie ich es mir vor gestellt hatte. Alleen, Birkenwälchen mit gelegentlichem Blick auf das nicht enden wollende verzweigte Gewässer, grosszügig auf beiden Seiten der historischen B1 gelegen. Bootchenseligkeit und Müssiggang allenthalben aber kein Massentourismus, jedenfalls nicht von meiner Warte. Gerne hätte ich den ganzen Tag dort zu gebracht. Aber ich wurde unruhig, die Brandenburger Stadtrundfahrt hatte viel Zeit gekostet und ich ertappte mich dabei, wie ich in den Abschnitten ohne Gewässergeruch und Blick auf die Seen etwas Gas gab, denn auch das tat ich gerne, allein des Windes in der Jacke wegen. Das konnte mich jedoch nicht bewegen, den kürzesten Weg zu suchen und ich verliess die B1 Richtung Elbe-Parey, ihr wisst schon, wie ein Nomade immer am Wasser entlang.

Aber da war noch was anderes. Ich weiss nicht, wie ich es erklären soll, entweder man kennt es, oder man kennt es nicht. Wir Flüchtlingskinder haben die Erzählungen der Eltern über ihre Heimat aufgesogen, nicht weil sie so ausschweifend waren, sondern weil sie eher im Gegenteil vielleicht mehr daran gedacht als darüber erzählt haben. Als junger Mensch merkt man nicht, wie ältere mit dem "Verlust der Heimat" umgehen. Nicht dass es einen nicht interessiert hätte, aber da waren doch auch die eigenen Begehrlichkeiten und die Unmöglichkeit des Ergündens angesichts der politischen Lage. Es gab ab der Ära Brand den kleinen Grenzverkehr, der wenigstens den Eltern erlaubte ihren Verlust zu realisieren oder sonstwie auf zu arbeiten. Ich bin nun nicht nach der Wende gleich auf gebrochen, um all das nach zu holen, aber ich habe oft bedauert, dass ich so spät damit begonnen habe. Mein Vater war darüber gestorben und ich werde nicht erfahren, ob ihn meine "Interessenlosigkeit" gewurmt hat, aber ich gehe mal davon aus dass ja. Aber so ist das vielleicht manchmal mit Vätern und Söhnen. Solche Gedanken sind aber auch das Besondere an ausgedehnten solitären Überlandfahrten. Ein bisweilen nicht ganz unangenehmer Nebeneffekt, wenn unbekannte Farben und Gerüche auf einen verträumten Geist einwirken.

Nun denn, nordwärts an der Elbe entlang, Region Stendal - Altmark liegen die Wurzeln der väterlichen Linie. Ich rang lange mit mir, wusste aber, dass ich die niemals an einem Sonntag nachmittag ergründen könnte zumal es keine Verbindung mehr dorthin gab und ich viel Zeit benötigt hätte, die dörflichen Zusammenhänge zu ergründen. Eine Durchfahrt hätte sich angeboten, zumal die Altmark auf meinem Weg in die Lüneburger Heide lag und eine Pause hätte ich schon gut gebrauchen können. Die Reise war etwas ermüdent und die Abkürzung hätte auch meine Reise in Schorpis Celler Land sehr beschleunigt, aber ich wusste, dass er erst spät am Abend all seine Verpflichtungen erfüllt entspannt Zeit für mich haben würde. Ebenso wichtig wie Vaters Land war mir die Elbtalaue, die gottlob viel zu wenig bekannt, einen ganz besondern Charme auf ihre Besucher ausübt, insbesondere wenn der ohnehin eine Affinität zu dem Fluss mit seinem ganz eigenen Geruch hat. Es war mir vorher nicht klar, dass es auf dem Weg dorthin kaum Möglichkeiten gibt, den Fluss zu überqueren. So fand ich gerade mal die neue Brücke nach Tangermünde, um dort etwas zu rasten und zu knipsen, nicht ohne vorher natürlich gleiches am Ortsschild von Jerichow getan zu haben. Diese Idee gilt aber nicht besonders ausgefallen.


Die Trompeten von Jerichow


Nächster Halt schon in Havelberg, Espresso beim Italiener, Orientierung anhand der Karte, Blick auf die Uhr. Ach herrje, sehr enstspannend würde der Abend nicht mehr werden. Je nach dem und wie man es nimmt. Gerne wollte ich im Anschluss noch ein gutes Stück die Elbe hochgondeln um diese dann bei Wittenberge zu überqueren, nahm dies Unterfangen auch bald in Angriff. Nicht das mich die Ruhe auf einmal verlassen hätte, ich habe sie in ihrer begrifflichen Bedeutung eigentlich nie besessen, jedenfalls nicht unterwegs. Ich musste aber bald feststellen, dass mein Plan nicht wirklich realisierbar war. Denn nicht nur, dass es sich bei der Region um ein würdiges Naturerbe handelt, nördlich von Havelberg beginnt natürlich auch die alte Demarkationslinie, deren Verwalter auf der Ostseite überhaupt kein interesse an Erschliessung und Besiedlung der Region hatten. So konnte ich gerade auf halbem Wege einen Blick auf die Aue werfen, wie ich sie mir vorgestellt hatte und kehrte besorgt um das Ende des Tages vor Augen. Die Havel wiederum bei Havelberg überquerend, ein sehr schön gelegener Ort eigentlich, begab ich mich westwärts, meinen Ausflug geistig abschliessend, um endlich den direkten Weg zu meinem Tagesziel zu suchen.



Havelberg - nicht so gewaltig wie Passau oder Hann. Münden, aber mit dem speziellen Reiz aller Ansiedlungen an Flussmündungen.



Natürlich war es mir egal, ob ich fortan Brücken oder Fähren benutzen würde, aber gerade jetzt schloss sich eine sehr schöner Teil meiner Tagesetappe an. Die Elbstrasse südlich des Ortes trug ihren Namen nicht ohen Grund. Ich genoss das Kopfsteinpflaster, hielt bei jeder Möglichkeit, um das beruhigende Treiben des Viehzeugs am Flussufer zu verfolgen und die Mengen an Wasser und Apfelzitsch zu mir zu nehmen, die für die Hitze des Tages nötig waren. Foto hier, Foto da und dort extra keines, denn um so intensiver bleibt die Erinnerung. Gruppen tapferer froher Radfahrer zogen vorbei, nette gesetzte Leute meinen Alters. Ich überholte sie noch einmal um dann an der Elbfähre auf sie zu warten. Sie hatte gerade abgelegt und so ergab sich Gelegenheit für ein lustiges Schwätzchen.



Elbstrasse, wichtigste Hauptverkehrsstrasse von Ost nach West der Region.

Elbtalaue bei Havelberg. Blick vom Fähranleger. Wer es nicht kennt: es sieht dort überall so aus.


Die Fahrräder hatten sie sich geliehen man konnte sie an ganz anderer Stelle des Elbufers wieder abgeben, wenn man die Ferien ordentlich geplant hatte. Angereist waren sie natürlich mit dem Auto, aus Aschaffenburg und dem Kreis Hanau, wie es der Zufall will. Ich überlies sie ihren Erfrischungen und ihren Karten, als die Fähre anlegte und ein Cabrio mit heimischem Kennzeichen auffuhr und suchte das Gespräch mit seiner hübschen Fahrerin. Ja, sie sei auch westwärts unterwegs, aber bis nach Celle sei es noch ein ganz ordentliches Stück. Ich könne ihr aber noch 30-40km folgen, für die kürzeren und schnelleren Ortsdurchfahrten, Baustellen usw. Die Flussüberquerung mit der Fähre war ein ganz besonders entspannter und angenehmer Ausklang meines Abstechers. Keine Möglichkeit irgendetwas zu beschleunigen und sich doch noch mit netten Menschen ausgetauscht.

Am andern Ufer konnte ich meiner Begleiterin mit dem Cabrio kaum folgen. Oder es war mir einfach zu gefährlich. Ich hatte nichts gegen das Tempo, aber hielt dann doch lieber einen gewissen Abstand, so dass sie mir beim Haken schlagen in der ersten Ortsdurchfahrt entwischte. Ich fuhr nach Schildern hielt mein Tempo und hatte sie bald wieder eingeholt. So wiederholte sich das Spielchen noch einige Male aber ich verlor bald die Orientierung, wann wohl 30 oder 40km gefahren seien. Zu meiner Überraschung sah ich sie sehr weit westwärts noch einmal.

Das ehemalige Zonenrandgebiet ist auch auf westlicher Seite nicht sehr belebt, aber die Strassen sind gut und ich fand schnell meinen Rhytmus. Es war schon acht als wir die Elbe überquerten, jetzt zog sich die Landschaft endlos hin und die Zeit verging im Fluge, aber: Flachland - Sonnenuntergang und Dämmerung dauern ewig lang. In der Zwischenzeit hatte sich ein Motorrad zu mir gesellt, eher zufällig ohne jede Absichten. Eine 600 Fazer, der Fahrer drehte an jedem Ortsausgang auf bemühte sich aber, auf der Landstarsse nicht über 130 zu Fahren. So begleiteten wir uns wie mit einem langen Gummiband verbunden. Irgendwo auf der 190 kurz vor Salzwedel gab es eine grosse Tanke, und auch mir waren nicht nur Landschaft und Zeit verflogen, sondern auch der Zeiger der Tankuhr nach links gekippt. So hielten wir beide, um nach zu füllen. Mein Motorradfahrer war eine Sie, die mich keines Blickes würdigte, sondern sich zu ihren Leuten gesellte, die schon an der Kaffeebar auf sie warteten. Ein Pendler Konvoi vielleicht.

Nicht sehr enttäuscht, mit einem Mars Energieriegel im Mund ging ich zu meinem Gefährt, um es für den heutigen Dienst zu loben und "am Buckel zu klatsche". Ich muss sagen, dass ich wenig über meine Yamaha zu berichten weiss, weil sie sich immer absolut treu und gutmütig zeigte. Nicht einmal die eingerittene Sitzbank störte, jedenfalls nicht in dem Masse als dass man es nicht durch einfaches Verrutschen hätte beheben können. Ich war sehr zufrieden mit der letzten Etappe im "Westen", menschenleere meist gerade Strassen, der Friede und die Beschaulichkeit eines schönen Maisonntags. Nächster Kontrollpunkt Wittingen. Ja, die Dame im Cabrio hatte Recht gehabt. Bis nach Celle war es wirklich ein gutes Stück Weges und die schnurgeraden Strassen markierten leider nicht zwangsläufig auch den direktesten Weg. Aber ach, egal jetzt, ich mochte nur nicht noch zu nachtschlafender Zeit bei Schorpi läuten. Gegen 22.00 sei er gewiss mit allem durch hatte er gesagt. Wenn mir das nicht zu spät sei...

Mir nun wirklich nicht, aber ich fühlte mich etwas verpflichtet, wie einem guten Kunden, dem ich eine fertige Arbeit zu eien festen Termin zugesagt hatte. Ich geriet etwas in Sorge, dass mein Weg doch noch zwei Stunden und länger dauern könnte und jetzt war es neun durch. Ich glaube ich wurde hektisch und erwischte in Wittingen den falschen Ast, zu weit nördlich. Ich hielt aber nicht mehr in der Annahme, man könne bald wieder links abbiegen. So war es dann aber doch nicht. Ein Mann im karierten Hemd goss an der Strasse seine Erdbeeren. Natürlich kannte er mein Ziel, obschon nur ein Dorf mit wenigen Einwohnern. Welch ein Lichtblick, aber an seinem Bemühen, mir den kürzesten Weg dorhin zu beschreiben, bemerkte ich welche Entfernung doch zwischen A und B noch liegen müsse. Tatsächlich waren es noch über 60km. Unnötig zu erwähnen, wie schnell ich seine Beschreibung vergessen hatte. Ein paar Orientierungspunkte prägten sich mir ein, die zu meiner Überraschung fast 40km vom Standort des Beschreibers entfernt lagen. Lange glaubte ich, ich sei, schon untauglich für einen Fahrdienst zu solch später Stunde, einfach stumpf daran vorbei gefahren. Bei aller Eile genoss ich aber auch erneut die Betulichkeit des ehemaligen Zonenrandgebietes. Ich kannte sie schon von meinen Fahrdiensten mit Vaters Auto als junger Spund in der norddteuschen Tiefebene und sie unterscheidet sich wenig von anderen Grenzregionen.

Zwei nach zehn habe ich Schorpis Haus gefunden. Auch er war gerade heim gekommen und mit einem grossen Lachen winkte er mir aus einem der oberen Fenser zu. Eine solche Begrüssung gibt es halt nur auf dem Land. Man kann abends gut Geräusche wahrnehmen und unterscheiden und vom oberen Geschoss eines Hauses meist ewig weit gucken. Jedenfalls in Norddeutschland. Hat alles seine Reiz.

Na, das hatte doch noch prima geklappt und es konnte noch eine schöne Frühlingsnacht werden. Mein Gastgeber hatte gut vorgesorgt in der Annahme, der Mensch (ich) habe feste Gewohnheiten. Eine stehende Hitze umgab uns auf dem geräumigen Balkon, so dass wir bis tief in die Nacht tagten. Auch beliess ich es ausnahmsweise mal nicht mit einer halben Flasche Beck´s. Gegen drei hatten wir wohl die Nachtruhe verdient, ohne den Eindruck, die Zeit mit unnützem Geplauder vertan zu haben.

5.Tag - Mit Gunst, Ihr Brüder...